Der nachfolgende Text stammt von Peter Lang, c/o
Waldorfkindergartenseminar, Heubergstraße 11,
70188 Stuttgart. Er schildert in Kurzform die Problematik in
der Erziehung von Vorschulkindern und zeigt Ziele und deren
Umsetzungsmöglichkeiten auf.
Ziele - Was Kinder brauchen
Erziehung und Bildungsziele in der Waldorfpädagogik für Kinder
bis zur Schulfähigkeit
Kinder kommen nicht als leere Gefäße zur Welt. Sie sind
Individualitäten, die sich mit ihren Begabungen, Neigungen,
Interessen und auch Handicaps entwickeln und ihren eigenen Weg
gehen wollen. Um diesen Prozess so gut wie möglich zu gestalten,
brauchen sie kompetente erwachsene Vorbilder, liebevolle und
sichere Beziehungsverhältnisse und ihre eigene Entwicklungszeit.
Kinder passen nicht in das Zeitraster der Erwachsenenwelt und
auch nicht in deren politische oder wirtschaftliche
Zweckvorstellungen.
Kinder sind lernfähige, lernfreudige und lernbereite Wesen. Ihre
Entwicklungsfenster sind gerade in den ersten Kindheits- und
Schuljahren besonders weit geöffnet. Daraus entsteht die
Verantwortung, die Lebenswelt der Kinder so zu gestalten, dass
im Sinne eines "Salutogenese"-Ansatzes (Antonovsky) mindestens
drei Hauptkomponenten die Erziehung prägen:
Kinder sollen - und wollen - die Welt in ihren Zusammenhängen erkennen und verstehen lernen, wobei der methodische Weg hierbei vom Erfassen einfacher und gut durchschaubarer Zusammenhänge ausgeht und zu immer komplexeren hinführt (Verstehbarkeit).
Kinder gewinnen Vertrauen in die eigenen wachsenden Kräfte und Fähigkeiten in erster Linie dadurch, dass sie viele Gelegenheiten bekommen, Dinge selber zu tun und Aufgaben zu meistern. Wo Hilfe nötig ist, soll sie selbstverständlich erfolgen (Handhabbarkeit).
Kinder sollen sich die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns, Fühlens und Denkens Schritt für Schritt erschließen; dazu bedarf es in der Kindheit und Jugendzeit qualifizierter Vorbilder als Orientierung und Wegbegleitung (Bedeutsamkeit).
In der Zeit bis zur Schulfähigkeit - die sich nicht nach gesetzlichen
Regeln oder wirtschaftlichen Überlegungen, sondern nach den
körperlichen und seelischen Entwicklung des Kindes bestimmt -, ist
es nicht das spezifische, abprüfbare Wissen, was das Kind braucht.
Im Gegenteil: Die Zeit vor der Schule dient, frei von
schulischem Lernen, dazu, so genannte Basiskompetenzen entwickeln
zu können, auf denen später die schulische Erziehung und Bildung
aufbauen kann. Gerade diese Basiskompetenzen versetzen die
späteren Jugendlichen / Erwachsenen in die Lage, die Anforderungen
des täglichen Lebens möglichst gut zu meistern, schaffen erst die
erforderlichen Fundamente für weitere Spezialisierungen. Kinder
vor der Schulfähigkeit brauchen - und vertragen - keine vereinseitigende
Intellektualisierung. Und auch keine Kuschelpädagogik. Sie brauchen
aufmerksame Begleitung der Eltern und gut ausgebildeter Pädagogen,
die ihnen Orientierung geben. Nur so können sie ihren eigenen
Weg finden.
Waldorfkindergärten als
Kompetenz-Zentren
Waldorfkindergärten verstehen sich von je her nicht als bloße
Bewahreinrichtungen, sondern sie wollen die Start- und
Entwicklungsbedingungen des einzelnen Kindes verbessern und ihm
eine frohe, lernintensive und glückliche Kindheitszeit gewährleisten.
Im Erziehungs- und Bildungsbereich der Waldorfpädagogik für die
ersten sechs bis sieben Lebensjahre lassen sich insbesondere
sieben Kompetenzbereiche aufzeigen:
1. Körper- und Bewegungskompetenz
Wissenschaftler und Lehrer haben bei mehr als der Hälfte der
Erstklässler Haltungsschäden, Übergewicht oder Gleichgewichtsstörungen
festgestellt. Viele Kinder leiden unter Bewegungsmangel, ihre Grob-
und Feinmotorik ist unzureichend entwickelt. Da kündigt sich nicht
nur ein Problem für die Krankenkasse an, sondern auch für die
Gesellschaft: Die seelische und geistige Befindlichkeit des Menschen
korrespondiert mit seiner körperlichen Beweglichkeit, wer sein
körperliches Gleichgewicht nicht halten kann, bekommt eher Probleme
mit der seelischen Balance. Auch beeinflusst die Fähigkeit sich zu
bewegen ganz entscheidend den Spracherwerb. Etwas begreifen und
darauf zugehen zu können prägt die Wahrnehmung, weitet den
Erfahrungshorizont des Kindes und aktiviert den Sprachentwicklungsprozess.
So bereiten sich Kinder, die sich aktiv und vielseitig zu bewegen
lernen, auch auf eine immer qualifiziertere Denktätigkeit vor.
Im Waldorfkindergarten wird deshalb besonders darauf geachtet,
dass die Kinder sich vielseitig bewegen; regelmäßige Spaziergänge
oder spielen und arbeiten im Garten gehören ebenso in dieses
Spektrum wie Reigen- und Fingerspiele und Handarbeiten (etwa
Nähen oder Weben).
2. Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz
Virtuelle Welten breiten sich aus, sie gaukeln uns Qualitäten vor,
die real so nicht vorhanden sind. Um nicht auf diese Trugbilder
hereinzufallen, müssen wir uns mehr denn je auf unsere Sinne
verlassen können, brauchen wir eine erhöhte Wahrnehmungskompetenz.
Unsere Kinder brauchen ein waches Bewusstsein für das, was um sie
herum geschieht, was mit ihnen geschieht. Das entwickelt sich mit
dem Vertrauen in die eigene Wahrnehmungskraft, deshalb brauchen sie
in dieser Zeit verlässliche, unverfälschte Eindrücke. Auch die
später erforderliche Medienkompetenz erfährt hier eine
pädagogische Grundsteinlegung. "Medienkompetenz", so entwickelt der
amerikanische Computerexperte Joseph Weizenbaum, "bedeutet die
Fähigkeit, kritisch zu denken. Kritisch denken lernt man allein
durch kritisch verarbeitendes Lesen, und Voraussetzung hierfür ist
eine hohe Sprachkompetenz."
Im Waldorfkindergarten sollen die Kinder deshalb zuerst einmal
die reale Welt mit ihren Sinnen entdecken und erforschen können
und dabei einfache, wahrnehmbare Zusammenhänge kennen und
verstehen lernen. Auf diese Weise, gepaart mit der eigenen
Entdeckerfreude, erfahren sie allmählich auch elementare
Naturgesetze. Solche grundlegenden Voraussetzungen sollten
zumindest vorhanden sein, bevor Kinder sich dann kompliziertere
Zusammenhänge erschließen. Computer oder Fernseher bereits im
Kindergarten fördern deshalb keineswegs die später erforderliche
Medienkompetenz.
3. Sprachkompetenz
Denken und Sprechen sind eng miteinander verbunden. Nur mit der
Sprache können wir das Gedachte ausdrücken, unsere Gefühle zum
Ausdruck bringen, allen Dingen in der Welt einen Namen geben und
miteinander ins Gespräch kommen. Doch dieses Instrument bedarf der
frühen, aktiven und sorgfältigen Pflege. Kinder lernen sprechen in
einer sprechenden Umgebung. Dabei kommt es in erster Linie auf das
menschliche Beziehungsverhältnis zwischen Sprechendem und Hörendem
an. Das sprachliche und seelisch warme Verhältnis zwischen Kind
und Erwachsenem bildet den Nährboden für eine gute und differenzierte
Sprechweise. Wann Kinder zu sprechen beginnen ist individuell
verschieden. Alle brauchen aber gute sprachliche Vorbilder im
Erwachsenen, um in die Sprache hineinzuwachsen.
Im Waldorfkindergarten haben Lieder, Geschichten, Verse,
Fingerspiele und Reime einen großen Stellenwert. Denn spielerisch
lernen die Kinder so die Sprache und beheimaten sich in ihr.
Die Sprechweise der Erzieherinnen sollte dabei liebevoll, klar,
deutlich und bildhaft sein - und der Altersstufe angemessen. Die
so genante Babysprache wird deshalb hier nicht zu finden sein,
ebenso wenig wie abstrakte Erklärungen.
4. Phantasie- und Kreativitätskompetenz
Der Widerspruch ist allgegenwärtig: Um uns herum ist immer mehr
genormt, vorgefertigt und festgelegt. Auf der anderen Seite ist
menschliche und gesellschaftliche Entwicklung ohne Phantasie und
schöpferische Kreativität kaum denkbar. Doch sind wir dazu bald
überhaupt noch fähig? Wie erwerben und erhalten wir diese
Kompetenz? Wenn vom späteren Erwachsenen zu Recht Ideenreichtum,
seelisch-geistige Beweglichkeit und Phantasie bei der Lebensgestaltung
und in der Arbeitswelt gefordert wird, so müssen diese Fähigkeiten
im Kindergartenalter angelegt werden. Alles Phantasievolle, alles
Künstlerische weitet die Seele und das Bewusstsein des Menschen.
Im Waldorfkindergarten nimmt die Entwicklung und Pflege der
kindlichen Phantasiekräfte ganz konkrete Gestalt an. Da gibt es
besonders viele noch nicht genormte und kaum fertig ausgestaltete
Spielsachen, die die schöpferischen Kräfte der Kinder anregen.
Erzählte Geschichten animieren die Kinder, das Gehörte in
spielerische Kreativität umzusetzen und zu verwandeln.
Tägliche Spielzeiten geben die erforderliche Zeit, damit die Kinder
ausgiebig, mit Konzentration und immer wieder sich entzündender
Schaffensfreude tätig werden können.
5. Sozialkompetenz
Soziales Mieinander will gelernt sein. Ohne Sozialkompetenz ist
das Leben des einzelnen Menschen und einer Gemeinschaft undenkbar.
Kinder sind von Geburt an soziale Wesen und wollen sich lernend in
menschliche Beziehungsverhältnisse einleben. Diese Lernprozesse
beginnen in der Familie und setzen sich im Kindergarten fort. Doch
immer mehr Kinder wachsen zum Beispiel in "Ein-Kind-Familien" auf,
oft nur mit einem Elternteil. Dadurch sind soziale Übungsfelder
begrenzt. Der Kindergarten muss daher mehr den je Grundlagen für
soziale Erfahrungsfelder schaffen. Im sozialen Miteinander geht es
immer darum, die Interessen, Wünsche, Bedürfnisse des Einzelnen in
ein Verhältnis zur sozialen Gemeinschaft zu bringen. Dabei muss
sowohl der einzelne Mensch sich mit seinen Fähigkeiten und
Intentionen einbringen können (Gestaltungsraum), um aus einem
verantwortlichen Freiheitsimpuls heraus Gemeinschaft zu schaffen,
in der andererseits möglichst die Belange aller Platz haben. Dazu
sind Regeln, Verabredungen und Vertrauen erforderlich. Kinder
brauchen Gemeinschaften, in denen sie möglichst viele dieser
sozialen Lebensregeln lernen und sich an ihnen orientieren können.
Der Waldorfkindergarten ist ein solcher orientierender
Lebensraum. In ihm lernen die Kinder, dass es Regeln gibt sowie
einen Struktur gebenden Tages- und Wochenrhythmus bis hin zu
klaren Aufgabenverteilungen für die einzelnen Kinder und die
Gruppe (etwa aufräumen oder Tisch decken). Sie lernen dabei auch,
Verantwortung zu übernehmen und den dabei entstehenden eigenen
Gestaltungsraum zu nutzen - und gleichzeitig üben sie sich in
praktischen Tätigkeiten.
6. Motivations- und Konzentrationskompetenz
Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden heute unter
Konzentrationsmangel, Nervosität, Hyperaktivität. Sie sind
gehandicapt in ihrer Schaffensfreude und in der Fähigkeit, sich
mit bestimmten Aufgaben für eine Zeit lang zu verbinden. In
Wissenschaft und Pädagogik werden seit langem hierfür die
verursachenden Faktoren untersucht (Pathogenese). Gleichzeitig gilt
es, die gesundenden und stabilisierenden Faktoren zu kennen und zu
stärken (Salutogenese).
Die Waldorfpädagogik sieht ihre Aufgabe darin, beide Konzepte
miteinander zu verbinden: Eindrücke, die sich als schädlich für
die Entwicklung des kleinen Kindes herausgestellt haben, versucht
sie von ihm fernzuhalten (z.B. Fernsehen im frühen Alter),
demgegenüber richtet sie den Schwerpunkt auf die gesundenden
Faktoren. Beispielsweise schaut sie bereits im frühen Kindesalter
auf das Lern- und Betätigungsbedürfnis der Kinder und versucht es
konsequent anzuregen. Regelmäßige Wiederholungen und rhythmisierende
Gestaltungselemente vom Tagesablauf bis hin zum Jahresablauf im
Kindergarten mit seinen vielen Höhepunkten und den Jahresfesten
helfen, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu entwickeln,
interessante und anregende Betätigungsmöglichkeiten wirken auf
die Kinder motivierend.
7. Ethisch-moralische Wertekompetenz
Kinder wie Erwachsene brauchen zur eigenen Lebensgestaltung
seelisch-geistige Orientierungen, Wertvorstellungen und Aufgaben,
mit denen sie sich innerlich verbinden können. Kinder brauchen
Regeln, Rituale, Klarheit und Wahrhaftigkeit. Sie wollen Erwachsene
erleben, die sich engagieren, die ihnen moralische Orientierung
geben - ohne zu moralisieren. Viele Kinder finden aber heute in
ihrem Umfeld oft nur die Maßstäbe der Spaß- und Freizeitgesellschaft
ohne tragende Verbindlichkeiten vor.
Die Waldorfpädagogik nimmt die moralisch-ethische Erziehung
ganz bewusst in ihr pädagogisches Konzept auf. Sie geht darauf ein,
dass Kinder ein Koordinatensystem für das Gute, Schöne und Wahre
brauchen ebenso wie die Achtung vor anderen Menschen, Kulturen und
der Schöpfung. Und sie sollen auch lernen, dass damit persönliches
Engagement verbunden ist.